Anna-Maria Köhnke

Die Arbeit und ich 

Wenn man sich beruflich länger mit Arbeit selbst beschäftigt, fängt man an, Arbeit überall zu sehen. Ein Schreibtisch ist nicht länger nur ein Schreibtisch, sondern ein Schreibtisch, der von jemandem gebaut wurde, damit jemand anders daran arbeiten kann. Ein Haus ist nicht länger nur ein Haus, sondern ein Haus, das auf eine bestimmte Weise eingerichtet wurde, um den Anforderungen eines Arbeitsprozesses gerecht zu werden. Selbst der eigene Körper ist nicht länger eine unabhängige Erscheinung, sondern auch die Errungenschaft derjenigen, die ihm ein Essen gekocht, seine Kleidung genäht oder ihn sicher an den Ort gebracht haben, an dem er seine täglichen Aufgaben erfüllt. Die eigene Arbeit ist gleichzeitig das Ergebnis von und die Voraussetzung für die Arbeit anderer.

Das Foto zeigt Quarry Bank Mill nahe Manchester (Großbritannien), eine der ersten industriellen Baumwollfabriken, deren Arbeitsbedingungen bereits 1845 von Friedrich Engels beschrieben wurden. Die Fabrik kann bis heute besichtigt werden.

Seit einigen Jahren ist der Gegenstand meiner Arbeit die Arbeit selbst. Ich habe mich eingehend damit beschäftigt, wie sich Arbeit gesellschaftlich entwickelt und was gute Arbeit ausmacht. Das Interesse für diesen Bereich hat sich aus persönlichen Erfahrungen und Anekdoten aus meinem Umfeld entwickelt – egal, um welche Art der Arbeit es sich handelte, gaben mir Menschen den Eindruck, dass ihre Arbeitsstrukturen ausschlaggebend dafür sind, wie gut es ihnen geht. Seit ich mir erstmals aktiv darüber Gedanken gemacht habe, hat sich meine eigene Wahrnehmung von Arbeit mehrmals fundamental gewandelt.

Zum einen liegt dieser Wandel, wie oben beschrieben, in der Sichtbarkeit von Arbeit. Wenn man sich darüber bewusst wird, wie breit der Begriff gefasst sein kann, ist Arbeit nicht länger zu übersehen. Wenn man begreift, wie sehr das Leben von Menschen durch ihre verschiedenen Arbeitstätigkeiten geprägt wird, begegnet man ihnen anders. Die wertschöpfende und kreative Seite, die Arbeit hat, führt dazu, dass man andere anerkennt und von ihnen selbst anerkannt wird. Nicht immer bedeutet das automatisch, dass diese Anerkennung auch kommuniziert wird.

Zum anderen hängt dieser Wandel aber auch mit den Herausforderungen zusammen, die mir während dieses Projekts begegnet sind. Neben der Forschungsarbeit habe ich in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen gearbeitet, die meiste Zeit in verschiedenen Positionen gleichzeitig. Dies geschah, wie bei vielen Menschen, aus finanzieller Notwendigkeit heraus und brachte den enormen Aufwand des ‚Jonglierens‘ mit sich – wer mehrere Jobs hat, muss diese in Bezug aufeinander organisieren. So habe ich nicht eins, sondern meist mindestens vier berufliche Postfächer zu verwalten und habe zwischenzeitlich vier verschiedene Arbeitsplätze an einem Tag aufgesucht. Während es nicht immer einfach war, in allen Bereichen den Überblick zu behalten, habe ich dadurch viel über Arbeitsqualität „am eigenen Leib“ erfahren. Diese Erfahrungen haben auch meine Forschungsarbeit geprägt – meiner Ansicht nach auf eine Weise, die die Erfahrungen Arbeitender besser abbildet, als es sonst der Fall gewesen wäre. (An dieser Stelle möchte ich mich also herzlich beim ESRC für die Ablehnung meiner Stipendienbewerbung bedanken – ich schulde euch was!) Dadurch habe ich mehr darüber herausgefunden, was mir bei meiner eigenen Arbeit wirklich wichtig ist – ein weiterer Grund, warum ich mit dieser Webseite Menschen dazu einladen möchte, ebenfalls über Arbeitsqualität nachzudenken.

Auch das ist nicht immer nur einfach. Wer genauer hinschaut, erkennt oft auch mehr Probleme als vorher. Das Dimensionsmodell, so die Hoffnung, soll nicht nur bei der Einordnung dieser Probleme unterstützen. Es soll auch im Konkreten dabei helfen, eigene Handlungsspielräume zu erkunden. Die einzelnen Dimensionen können als Stellschrauben verstanden werden, um die eigene Situation trotz Herausforderungen und Einschränkungen von außen selbst gestalten zu können – aus den Dimensionen, in denen man Handlungsfähigkeit findet, lassen sich Kraft und Strategien ableiten, den Herausforderungen in anderen Dimensionen zu begegnen.

Trotz der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflüsse auf die eigene Arbeit, die oft unkontrollierbar scheinen, können sich Menschen in ihrer Arbeit immer wieder selbst erkennen und darin einen Samen der Selbstwirksamkeit finden. Daraus kann ein ganzes Geflecht an Unterstützungsnetzwerken und Fürsorgesystemen entstehen, das diese Einflüsse langfristig in neue Bahnen lenkt. Das zeigt ein historischer Blick auf die zahlreichen Herausforderungen, die Menschen trotz widrigster Umstände kraft ihrer Arbeit überwinden konnten.

Um aufzugehen, benötigt dieser Samen nährstoffreichen Boden und regelmäßiges Gießen. Ich hoffe, dass meine Arbeit einen kleinen Teil dazu beitragen kann, den Gärtnerinnen und Gärtnern die Gießkanne zu füllen.

Diese Analogie spende ich insbesondere meinen Kolleginnen und Kollegen vom Sustainable Consumption Institute, das diese Website finanziert hat – sicher haben einige von ihnen interessante Sachen über den Anthropozentrismus in meiner Wortwahl zu sagen. Ohne ihre Unterstützung wäre dieses Projekt ein anderes gewesen, weswegen ich mich nun, da mein Projekt zu Ende geht, insbesondere bei ihnen bedanken möchte.

Durch sie konnte ich mein Verständnis von materiellen und relationalen Verhältnissen, unter denen gearbeitet wird, immer wieder hinterfragen, überarbeiten und transformieren. Ich hoffe, mit der umfangreichen Arbeit an dieser Website nun etwas zurückgeben zu können, dass ihnen und anderen dabei hilft, Arbeit zu gestalten.

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